André Rival

 

Der Seitenwechsler

 

André Rival fotografiert Stars – und sich gleich mit. Zuletzt nahm Wolfgang Joop vor seiner Kamera Platz. Doch Rival ist inzwischen selbst prominent. Das schafft mitunter Probleme.



Von Marika Bent



 

Nach dem Fotoshooting hat André Rival seinem Modell Wolfgang Joop ein Kompliment gemacht: Seit langer Zeit sei ihm das letzte Bild mal nicht das wichtigste gewesen. Das will etwas heißen, denn das letzte Bild ist André Rivals Spezialität. Es ist die Krönung seiner Inszenierungen von Prominenten. Es ist der subversive Moment, da er selbst ins Bild tritt. Wenn die Arbeit getan ist, wenn Martina Gedeck von der eigenen Laszivität ermüdet und Thea Dorn alles blutig seziert hat, wenn Helmut Kohl nur noch matt gucken kann und die schönen Modells ihre langen Beine wieder einfahren wollen, wenn die Schwangere das Bäuchlein genug gereckt hat, dann, ja dann darf der Fotograf endlich die Seiten wechseln. Er schlüpft ins Bild, rekelt, guckt und reckt ein wenig mit. Meist fällt er dabei schrecklich aus dem Rahmen, weil er zu dick, zu klein, zu haarig und gar nicht sexy ist.

„André Rival inszeniert sich bewusst als Schönheitsfehler des Markenauftritts“, zertifizierte Medienexperte Norbert Bolz treffend. Das Spiel mit dem Makel hat ihn berühmt gemacht. So ist Rival selbst eine Art Marke geworden. „Das muss nicht schlecht sein, wenn auch der Fotograf bekannt ist. Am Set gibt es gern mal ein Kompetenzgerangel“, sagt Rival. Mit Wolfgang Joop gab es keinen Clinch, und das, obwohl der Modeschöpfer Inszenierungsexperte in eigener Sache ist.

Der gebürtige Potsdamer ist das neue Werbegesicht für die Deutsche Oper Berlin. Nach dem Modell Nadja Auermann und der Entertainerin Barbara Schöneberger konnte die Intendantin Kirsten Harms den 65-jährigen Joop verpflichten. Wenn heute „Don Giovanni“ im Haus an der Bismarckstraße Premiere hat, wird ein älterer Liebhaber von den Plakaten grüßen und die Gäste an die traurigen Wahrheiten der Mozart-Oper erinnern. Man muss sehr genau hingucken, um hinter der schwarzen Spitzenmaske Wolfgang Joop auszumachen. Man erkennt ihn am markanten Mund, über dem geckenhaft ein Menjou-Bärtchen klebt.

In einer fünftägigen Sitzung hat André Rival Fotos von Joop gemacht, die ihm entgegen bisheriger Sehgewohnheiten nicht schmeicheln. Freilich sind die fünf Motive, die Joop als Don Giovanni, Äneas, König Midas, Tristan und Samson zeigen, effektvoll und werbetauglich, doch kratzen Glatze, Stützstrümpfe und hängende Wangen am Image vom ewig jugendlichen Schönling. Natürlich ist das Absicht. Joop nennt es in einem Interview „Metamorphose“. André Rival spricht vom „Mut zur Wahrheit“.

„Die Serie zeigt ihn in einer anderen Form: als alternden Mann. Er ist ein schöner Mensch, aber auch seine Jugend vergeht. Und das will nicht jeder, der Joop als Ikone verehrt, wahrhaben“, sagt Rival, der den Modemacher vor einigen Jahren als engelsgleichen Ikarus am Heiligen See ablichtete. Er empfand die fünf Tage im Schutze des Kulissenmagazins der Deutschen Oper als eine besondere Erfahrung. In seiner Beschreibung dieser Sessions liegt eine Intimität, an der man nicht rühren sollte und die zugleich typisch ist für das Verhältnis von Fotograf und Fotografiertem. Dass man das Ergebnis ihrer Innigkeit dann öffentlich bestaunen kann, ist nur eine von vielen Paradoxien, welche die Fotografie so interessant machen. Noch spannender wird es, wenn ein Bild mehr über einen Porträtierten sagt, als sich dieser selbst einzugestehen wagt. Vor elf Jahren hat André Rival Guido Westerwelle in einer venezianischen Gondel für ein großes Magazin fotografiert. Was der heutige Außenminister offen auslebt, sollte damals in einem Interview nebst Fotostrecke verkündet werden. Doch dann verließ den damaligen FDP-Generalsekretär wohl der Mut. Das Interview wurde verändert, übrig blieben Andeutungen. Eindeutig waren nur die Fotos, deren homosexuelle Konnotation in ihrer Bezugnahme auf Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ so offensichtlich war, dass der Betrachter gar nicht anders konnte, als sie für das zu nehmen, was sie letztlich sein sollten: ein Outing. Wie jeder ambitionierte Fotograf ist auch André Rival auf der Suche nach dem besonderen Moment, in dem die Menschen und die Dinge über sich hinauswachsen. Wobei Rival lieber sublimiert, als entblößt.

In seinen Auftragsarbeiten zeigt er die ästhetische Überhöhung, wofür ihn Modells, Schauspieler und Politiker natürlich lieben. In seinen persönlichen Arbeiten, deren Anteil inzwischen weit überwiegt, kann er den schönen Schein dagegen ausknipsen und sein eigenes Spotlight einschalten. Aber auch dann richtet er das Licht gern auf gutaussehende Frauen. Die Fotoarbeit, die ihn 1994 bekannt machte, zeigt 18 nackte Schönheiten in einem „Berliner Bad“, so der Titel des Bildes, für das sich Rival von den Gemälden Ingres’ inspirieren ließ. Um die Malerei des französischen Klassizisten im Original zu studieren, musste der junge Fotograf damals nicht weit laufen. Rival hatte seinen Zweitwohnsitz sieben Jahre lang in Paris. Die Zeit an der Seine nennt er seine Studienjahre. Sein fotografisches Handwerk hat der gebürtige Berliner, der seinen französischen Nachnamen einem Soldaten aus den napoleonischen Kriegen verdankt, am Lette-Verein gelernt. Rival spricht bewusst von Handwerk. „Verwirklichen wollte ich mich an der Schule nicht.“ Nach seinem Abschluss entschied er sich gegen ein weiterführendes Studium an der Essener Folkwang-Hochschule und damit gegen den strengen Stil der Düsseldorfer Schule. „Ich entschied mich für die Beaux Arts, für die Schönen Künste, also für Paris.“ Die Stadt war ihm aus Kindertagen vertraut. Als Junge fuhr er mit den Eltern oft zu Modemessen nach Paris. Helga und Hajo Rival besitzen bis heute in Berlin eine Mode-Boutique, in der einst Hildegard Knef und die Kessler-Zwillinge ein- und ausgingen. In Paris führte André Rival zunächst die prekäre, aber anregende Existenz eines freischaffenden Künstlers. Er drehte Experimentalvideos und dachte sich dadaistische Konzepte aus: Man stelle eine Kamera auf, setze Leute davor und verlasse den Raum. Diese Idee hat er später noch einmal für die Serie „100 Frauen Selbstansichten“ aufgegriffen.

In einer anderen Serie hatte er weinende Frauen porträtiert. „Alle fanden die Fotos gut, außer die Dargestellten selbst“ – ein Problem, das Rival bis heute immer mal wieder anficht. Danach hatte er „die Nase voll davon“. Er drückte Frauen einen Selbstauslöser in die Hand und verließ das Zimmer. Alleingelassen, wurden diese dann ziemlich mutig. Auf dem wohl bekanntesten Bild der Serie sieht man Sophie Rois mit heruntergelassenem Slip. Am Ende waren alle zufrieden, außer der Fotograf, den zwar das Ergebnis freute, aber nicht seine Rolle. Er hatte sich selbst abgeschafft. Von da an fotografierte er sieben Jahre lang Landschaften. Deutsche Sehnsuchtsorte: die Loreley, Neuschwanstein oder die Deiche des Schimmelreiters. Wie alle seine Projekte verfolgte er auch dieses mit dem Ehrgeiz, es origineller zu machen als andere.

Man gerät leicht in Gefahr, André Rival wegen seines Humors und seines Understatements zu unterschätzen. Normalerweise bleiben Fotografen unsichtbar. Rival dagegen kennt man als den lustigen Puck neben lauter Berühmtheiten. Auch er hat ein Bild von sich geschaffen. Dummerweise ist es ziemlich dominant und duldet kaum andere neben sich. So hat es ein Foto besonders schwer: der Fotograf im Sportdress inmitten einer Basketballmannschaft. Ein 1,72-Mann mit Bauchansatz zwischen lauter Bäumen. Na klar, denkt man, hat er sich wieder erfolgreich dazwischengemogelt. Alles inszeniert. Dann zeigt Rival ein Handy-Bild von sich und drei Medaillen, die um seinen Hals hängen. 2009 wurde er mit seiner Mannschaft Deutscher Basketball-Meister in der Seniorenklasse. Die Bilder sind echt. „Mit dem Foto hab ich mir selbst natürlich ein Glaubwürdigkeits-Ei gelegt“, gibt er zu. In seiner Jugend war er Leistungssportler, zunächst als Hand-, später als Basketballer. Man tut gut daran, einen Satz wie: „Ich kenne die größten Leute – sie sind alle Basketballer“, für bare Münze zu nehmen. Lustig ist er ja. Als Jugendlicher zögerte Rival zwischen drei Berufswegen: Profisportler, Schauspieler oder Fotograf. Für den Sport war er zu klein, für das ernste Fach zu lustig, „nur bei der Fotografie war für mich nach oben hin alles offen“. Nun, da er in Deutschland zu den Großen gehört, sucht er nach neuen Herausforderungen. „Die nächsten sieben Jahre bin ich Verkehrsutopist.“ Rival fährt fast nur noch Fahrrad, nicht irgendeines, sondern ein Elektrofahrrad, auf dem er Rauschzustände bekommt. In seiner enganliegenden Radlerkluft sieht er, nun ja, komisch aus. Wer immer den schwarzen Froschmann auf seinem Gefährt durch die Gegend sausen sieht, sollte jedoch aufpassen: Rival meint es ernst!

 Marika Bent für Märkische Allgemeine , 2010